Interview mit Prof. Dr. Willi Stadelmann – Potenziale junger Menschen entdecken und fördern

 

Kinder und Jugendliche haben nicht die gleichen Chancen für ihre kognitive Entwicklung. Alle Kinder kommen mit individuellen Geburtspotenzialen (Erbfaktoren, Genen) auf die Welt, die sich dann auf die kognitive Entwicklung auswirken, wenn die Kinder und Jugendlichen in einer vielseitigen sozialen Umwelt angeregt werden. Mangels Anregung bleiben viele Potenziale verborgen und die Kinder können sich nicht entsprechend ihrer Möglichkeiten entwickeln. Keine Gesellschaft kann es sich leisten, auch nicht finanziell, Potenziale von Menschen brach liegen zu lassen. Unterschiedliche Einflüsse wirken hier zusammen: Elternhaus, Umwelt, Schule, Politik und generell die Gesellschaft sind hier die wesentlichen Parameter, wenn es um die Förderung von Potenzialen junger Menschen geht.

Prof. Dr. Stadelmann studierte Chemie, Biochemie und Physik an der Universität Bern. Anschließend studierte er Entwicklungs- und pädagogische Psychologie und Pädagogik. Seit vier Jahrzehnten arbeitet er am Thema Kognitive Neuropsychologie (Lern-, Begabungs- und Intelligenzforschung) und hält regelmäßig Vorträge, so auch bei der jährlichen Jugendnetzwerkkonferenz im Herbst in der Arbeiterkammer in Linz.

Wie soll der Schulunterricht für Kinder und Jugendliche bzw. Schule generell gestaltet sein, so dass Kinder individuell und differenziert gefördert und dort abgeholt werden, wo sie stehen?

Unterrichts-Individualisierung, die immer wieder von Bildungspolitik und Eltern gefordert wird, suggeriert, dass die Lehrkräfte in der Lage sein sollten, jedes einzelne Kind im Stand seiner Entwicklung zu erfassen und ihm dann maßgeschneidert einen individuellen auf seinen Entwicklungsstand ausgerichteten, individuell fördernden Unterricht zu erteilen. Das wäre sicher ideal, ist aber eine totale Überforderung der Lehrpersonen und kann so nicht funktionieren. Dazu bräuchte es mehrere Lehrpersonen in einer Klasse, die sich um die Kinder kümmern könnten.

Lehrpersonen können aber innerhalb einer Klasse ihren Unterricht in Gruppen differenzieren („innere Differenzierung“), also Kinder-Gruppen mit ähnlichem Förderbedarf gezielter fördern. Das ist ein international erfolgreiches pädagogisches Prinzip. Von einer „Chancengleichheit“ kann aufgrund der individuellen Verschiedenheit von Kindern und Jugendlichen bezüglich Genetik und Umwelteinflüssen nicht gesprochen werden. Keine zwei Menschen haben gleiche Chancen. Man kann aber eine „Chancengerechtigkeit“ anstreben, indem man Potenziale, die Kinder und Jugendliche mit sich bringen, optimal fördert und damit ihren Entwicklungsmöglichkeiten gerecht wird.

Wie kann man Eltern unterstützen ihre Kinder zu fördern bzw. wie kann man sie dazu motivieren, mit ihnen zu interagieren?

Es bräuchte viel mehr Elternbildung. Viele Eltern haben wenig Wissen über Potenziale und die Förderung von Potenzialen und damit über Möglichkeiten der Förderung ihrer Kinder. Wichtig ist, dass Kinder von Geburt an Wertschätzung, menschliche Wärme und Nähe erfahren, in einer anregenden Umgebung aufwachsen können, mit der Familie lernen mit allen Sinnen wahrzunehmen, möglichst auch in der Natur. In den ersten Lebensjahren sollten diese Prozesse möglichst ohne Bildschirme angeregt werden: Kinder brauchen eine Anregung durch Menschen zur Wahrnehmung mit allen Sinnen. Zum Beispiel frühes Sprechen und Singen mit den Kindern, das Anschauen von Bilderbüchern, Zeit in der Natur verbringen und beobachten fördern Kinder enorm.

 

Welche Aufgabe hat die Gesellschaft, so dass der Spalt in der Begabungsförderung schmäler wird?

In breiten Teilen Gesellschaft muss die Einsicht entstehen, dass alle Kinder von Geburt an Förderung brauchen und dass alle Kinder förderbar sind. Sowohl lernschwächere als auch lernfähigere („begabtere“) Kinder brauchen Förderung. Begabung und Intelligenz sind nicht von Geburt an „da“; sie entstehen erst durch Lernen in sozialer Umgebung. Wichtig ist, dass in der Schule von Beginn weg möglichst keine Kinder unterfordert oder überfordert werden. Unterforderung hat die gleichen psychosomatischen Symptome zur Folge wie Überforderung. Viele „begabte“ Kinder sind in der Schule unterfordert, langweilen sich und können ihre Potenziale nicht entwickeln. Auch „Begabte“ brauchen Förderung, sonst laufen wir das Risiko, dass ihre Potenziale verkümmern.

 

Was macht es mit Kindern, wenn sie ständig miteinander verglichen und untereinander in Konkurrenz gestellt werden?

Konkurrenz ist auch pädagogisch nicht etwas schlechtes. Wenn sie aber dazu führt, dass Kinder und Jugendliche ausgegrenzt, gegen einander ausgespielt werden, dass ihnen Etiketten angehängt werden, dass gegenseitige „Hänseleien“ entstehen, oder gar Mobbing, dann sind das negative Folgen der Konkurrenz. Konkurrenz ist dann pädagogisch positiv, wenn Kinder dadurch gefördert werden. Das Ziel von Konkurrenz ist nicht, dass alle gleich werden. Aber gleichwertig!

 

 

Interview: Sanela Hadaier, Jugendnetzwerke der AKOÖ