«Digitaler Fernunterricht» während der Corona-Pandemie: Gefahr für die Chancengerechtigkeit?

Sprecher am PodiumIn verschiedenen Ländern, so auch in Österreich und in der Schweiz haben Schulen und Lehrpersonen in beeindruckender Art in kurzer Zeit Fernunterricht («digitales Lernen») organisiert und ermöglicht. Natürlich gibt es in der Qualität der digitalen Lernunterlagen zum Teil große Unterschiede zwischen Lehrpersonen und zwischen Schulen. Das ist ja unvermeidlich, haben sich doch bisher nicht allzu viele Lehrerinnen und Lehrer mit digitalem Fernunterricht intensiv und vor allem praxisbezogen beschäftigt, beschäftigen müssen; für viele ist das Neuland. Und auch für sehr viele Schülerinnen und Schüler und insbesondere auch für deren Eltern ist diese Form des Lernens ungewohnt, was auch zu Überforderung bei Eltern führen kann.

Umso erstaunlicher und erfreulicher ist, was alles auf die Beine gestellt wurde und wie groß im Allgemeinen die Akzeptanz des «digitalen Fernunterrichts» ist. Da haben vielerorts Lehrerinnen und Lehrer in kurzer Zeit Großes geleistet. Technisch gibt es zum Teil noch erhebliche Mängel, unter anderem weil nicht überall Internet in ausreichender Qualität und Kapazität zur Verfügung steht. Zum Teil fehlt es auch noch an Laptops zuhause bei den Kindern oder an geeigneten Computer-Programmen. Aber ich behaupte, dass die Corona-Pandemie zu einem erheblichen Schub beim «digitalen Lernen» geführt hat, für den sonst Jahre nötig gewesen wären.

Chancengerechtigkeit in der modernden Gesellschaft

Es gibt nun bereits Stimmen, die behaupten, «digitales Lernen» beweise, dass Lernen ohne Lehrerinnen und Lehrer ohne weiteres erfolgreich sei, und dass die Bedeutung von Lehrerinnen und Lehrern überbewertet werde: es brauche eigentlich Lehrpersonen gar nicht. Ich werde im folgenden zeigen, dass dies eine völlig irrige Ansicht ist. Die Phase des Fernunterrichts wird aufzeigen, wie unentbehrlich Lehrpersonen sind: Lernen ist und bleibt ein sozialer Prozess auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung. Computer können Unterricht ergänzen, fördern, aber sie können niemals Lehrerinnen und Lehrer ersetzen.

Bleibt Chancengerechtigkeit durch den digitalen Fernunterricht noch mehr auf der Strecke als im Normalfall des schulischen Unterrichts? Das ist die große Sorge, die auch mich bewegt. Wir haben natürlich nach dieser kurzen Zeit keine Beweise, keine wissenschaftlichen Untersuchungen, welche diese Frage beantworten können. Aber es gibt Befürchtungen und Vermutungen.

Ich habe in meinem Vortrag an der Jugendnetzwerk-Tagung der AKOÖ vom 7. November 2019 in Linz aufgezeigt, dass es «Chancengleicheit» (im Sinne von: alle Kinder kommen mit gleichen Voraussetzungen auf die Welt und können sich bei «richtiger» Förderung gleich kognitiv entwickeln und das gleiche kognitive Niveau erreichen) nicht gibt. Jedes Kind, jeder Mensch ist ein Unikat und entwickelt sich ein Leben lang als Unikat weiter. Ich spreche deshalb von «Chancengerechtigkeit».

Chancengerechtigkeit bedeutet, dass jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, seinen Geburtspotenzialen, dem Bildungsstand seiner Eltern, seinem Geschlecht, der sozialen Stellung seiner Familie, vom geografischen Ort, wo es aufwächst … die Möglichkeit erhält, seine individuellen Potenziale, die es auf die Welt mitgebracht hat, optimal zu entwickeln. Schule hat also den Auftrag, Kinder individuell im Rahmen ihrer Potenziale zu fördern. Dies bedeutet, dass Lehrerinnen und Lehrer diese Potenziale erkennen sollten, damit die Kinder und Jugendlichen dann individuell gefördert werden können. Ein Ziel, das nur sehr schwer zu erreichen ist und höchste Anforderungen an Lehrpersonen und Schule und auch an die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus stellt. Ein Lernprogramm, ein Computeralgorithmus kann das nicht.

Chancenungerechtigkeit als Folge des digitalen Fernunterrichts

Es braucht dazu Menschen mit diagnostischen Fähigkeiten, mit Ausstrahlung, mit Empathie mit pädagogischen Kenntnissen und Fähigkeiten. Der persönliche Umgang ist von größter Bedeutung für pädagogische Wirkung. Förderung braucht Menschen. Lernen hat mit Beziehungen zu tun, übrigens nicht zuletzt auch mit Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern im gemeinsamen Lernen. Und dies fällt ja im «Quarantäne-Homeschooling» weitestgehend weg.

Die Sorge, dass Chancenungerechtigkeit durch den von der Pandemie aufgezwungenen Fernunterricht am Computer (oder auch analog allein zuhause) grösser zu werden droht, teile ich. Es liegt auf der Hand, dass vor allem Kinder mit Lernschwierigkeiten, die schon in der Schule Mühe haben und in einem nicht sehr anregend-förderlichen Zuhause in der Familie leben, mit hoher Wahrscheinlichkeit von zunehmender Chancenungerechtigkeit betroffen sein werden. Es ist zu befürchten, dass die Schere der Chancenungerechtigkeit sich noch etwas mehr öffnen wird. Und dafür können die Kinder nichts, und sie sollten auch nicht die negativen Folgen tragen müssen! Wir können nur hoffen, dass diese Situation nicht lange anhält. Wichtig ist, dass auch während des Fernunterrichts Schülerinnen und Schüler immer wieder Kontakte mit Lehrerinnen und Lehrern und mit anderen Kindern der Klasse knüpfen können, sei es via Bildschirm (z.B. Skype) oder via Telefon.

Die Zeit danach richtig nutzen

Was tun nach dem Fernunterricht? Was können Lehrerinnen, Lehrer und Schulen tun, um wieder in den «Normalbetrieb» überzugehen? Ich denke, beim Wiederbeginn des Unterrichts sollte in den verschiedenen Lerngebieten (Fächern) «getestet» werden, wo die Schülerinnen und Schüler fachlich stehen, was sie zuhause mit den Unterlagen, welche die Lehrpersonen vorbereitet haben, gelernt haben, was sie wissen und was sie verstanden haben oder wo Lücken klaffen. Ich plädiere also für eine individuelle Standortbestimmung für alle Kinder und Jugendlichen. Entsprechende «Tests» (mündlich oder schriftlich) können durch Lehrerinnen und Lehrer einer Schule «maßgeschneidert» ausgearbeitet werden. Wie gesagt: die «Tests» sollen eine Standortbestimmung ermöglichen, also ohne Notenbeurteilung; mit dem Ziel festzustellen, welche Förderung im künftigen binnendifferenzierten Unterricht nötig ist, damit Kinder ihre Bildungsziele erreichen können. Diese Erkenntnisse aus der Standortbestimmung sollten dann zu spezifischen «Förderplänen» für Schülergruppen, wenn nötig für einzelne Schüler führen.

Ich finde auch, dass Überlegungen bezüglich der Erfüllung der Lehrpläne gemacht werden sollten. Im Sinne einer Anpassung für die «Corona-Generation» der Schülerinnen und Schüler, die ja einige schulische Unterrichtszeit verloren haben. Was muss für das Erreichen des Bildungsziels innerhalb einer Schulklasse besonders schwergewichtig im «Post-Corona-Unterricht» behandelt werden. Was ist unbedingt nötig, was könnte man weglassen, ohne den Kindern künftige kognitive Entwicklung und allfällig künftige Laufbahn-Möglichkeiten zu verbauen? Ich gehe davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer in dieser Phase Unterstützung (zeitlich und in Form von Beratung) nötig haben. Der Wiedereinstieg in die Schulnormalität benötigt zusätzlichen Einsatz und zusätzliche Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Pädagogische Schulleitungen und Schulbehörden werden vermehrt gefordert sein.

Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern sollten aus der Sondersituation, die sie erlebt haben, lernen, wie wichtig Schule und Unterricht, wie wichtig soziale Kontakte sind, wie wichtig es für das Lernen ist, Stabilität, Verlässlichkeit, Sicherheit, Hilfestellungen, Rückmeldungen … zu erfahren. Wie unentbehrlich Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Persönlichkeit sind.