Soziale Exklusion von Jugendlichen in Österreich. Vorschlag für einen Index zur Messung der Ausgrenzungsgefährdung von Jugendlichen

Soziale Exklusion von Jugendlichen in Österreich

von Bacher, J., Tamesberger, D. (2016)

NEET-Indikator ist etabliert

Der NEET-Indikator (Neither in Employment nor Education and Training) hat sich in der Arbeitsmarkt- und Sozialberichterstattung als Indikator für die Ausgrenzungsgefährdung von Jugendlichen etabliert (Eurofound 2011; EK 2011a und 2011b; ILO 2015; OECD 2014).

Eurostat berichtet regelmäßig zeitnah die Werte der EU-Länder. 2015 betrug die NEET-Rate 12,0% im Durchschnitt für alle 28 EU-Ländern. Die höchsten Raten weisen Italien (21,4%), Bulgarien (19,3%) und Kroatien (18,5%) auf, ihnen stehen als Länder mit den geringsten NEET-Raten Island (4,6%), die Niederlande (4,7%) und Norwegen (5,0%) gegenüber. Für Österreich wird eine NEET-Rate von 6,7% ausgewiesen. Österreich rückt damit stärker ins Mittelfeld. Auch Dänemark, Luxemburg und Deutschland haben mit jeweils 6,2% eine geringere NEET-Rate.

NEET-Indikator weist Schwächen auf

Dennoch hat der Indikator auch seine Schwächen (siehe dazu u.a. Finlay et al. 2010; Furlong 2006 und 2007; Tamesberger und Bacher 2014; Serracant 2014; Steiner et al. 2015; Yates und Payne 2006). Zum einen ist er zu heterogen, zum anderen zu spezifisch.

EXCLU – ein Index zur Messung der Ausgrenzungsgefährdung von Jugendlichen

Ausgangsüberlegung bei der Konstruktion des Index war, dass er im Unterschied zum NEET-Indikator weitere Ausgrenzungsrisiken miterfassen sollte. Zugleich bestand die Zielsetzung, dass der Index mithilfe des Mikrozensus berechnet werden kann, um an bisherige Forschungsarbeiten zur sozialen Ausgrenzung (z.B. Eurofound 2015) anschließen zu können und um im Unterschied zum BiBer internationale Vergleiche zu ermöglichen.

Entsprechend der oben angeführten Kritik wurden daher neben dem NEET-Status der frühe Schulabgang (EARLY) und eine prekäre Beschäftigung (PREC) einbezogen.

Zahl der ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen

Der Anteil der ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen variiert im Zeitraum von 2006 bis 2014 von 11,4% bis 13,9%. Der höchste Wert von 13,9% wird am Beginn der Krise im Jahr 2008 erreicht. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass bei der noch guten Konjunkturlage im Jahr 2008 Jugendliche vor allem Zugang zu prekären Beschäftigungsverhältnissen hatten und der Index dadurch erhöht wurde. Der Indexwert verbleibt dann in den beiden Folgejahren in etwa auf diesem hohen Niveau und reduziert sich ab 2009 schrittweise auf einen Wert von 11,5% im Jahr 2012. Zwischen 2013 und 2014 zeigt sich ein erneuter Anstieg auf 11,9%.

Im Jahresdurchschnitt sind im Zeitraum von 2006 bis 2014 12,7% der Jugendlichen von Ausgrenzung gefährdet, davon weisen 8,9% ein mittleres Risiko und 3,8% ein hohes Risiko auf.

Fazit und abschließende Diskussion

Der NEET-Indikator ist im Unterschied zum Arbeitslosigkeitskonzept in der Lage, auch Jugendliche zu erfassen, die sich vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Gleichzeitig führt diese Erweiterung zu einer oft angeführten Schwäche des NEET-Indikators, nämlich seiner Heterogenität. Er ist daher kaum geeignet, zielgruppenspezifische Programme abzuleiten, die eine Homogenität der Zielgruppen voraussetzen, wenn sie erfolgreich sein sollen. Dieser Kritik lässt sich dadurch Rechnung tragen,  dass mittels klassifikatorischer Verfahren die Gruppe der NEET-Jugendlichen in homogene Teilgruppen zerlegt wird.

Obwohl der NEET-Indikator mit den inaktiven Jugendlichen, die sich vom Arbeitsmarkt und Bildungssystem zurückgezogen haben, mehr ausgrenzungsgefährdete Jugendliche erfasst, lässt er eine Gruppe von potentiell ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen außen vor, nämlich prekär beschäftigte Jugendliche.

Dem trägt der hier vorgeschlagene Index der sozialen Ausgrenzungsgefährdung Rechnung. Er betrachtet Jugendliche als ausgrenzungsgefährdet, die sich in einem NEET-Status befinden, prekär beschäftigt sind und/oder die Schule frühzeitig beendet haben.

Im Zeitraum von 2006 bis 2014 waren im Jahresdurchschnitt rund 128.000 Jugendliche von sozialer Ausgrenzung betroffen. Das sind 12,7% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Bei rund 90.000 Jugendlichen kann von einer mittleren und bei 38.000 Jugendlichen von einer hohen Ausgrenzungsgefahr ausgegangen werden.

Jugendliche, die von sozialer Ausgrenzung betroffen sind, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sozial-strukturellen Merkmale von Jugendlichen ohne Ausgrenzungsrisiko. Sie leben häufiger in Städten, haben häufiger keine österreichische Staatsbürgerschaft und wurden seltener in Österreich geboren.

Der soziale Exklusionsindikator kann Arbeitslosigkeit oder einen NEET-Status in den Folgequartalen prognostizieren. Er ist jedoch wie die Indikatoren NEET und Früher Schulabgang nicht in der Lage, eine prekäre Beschäftigung vorauszusagen. Als Ursache kann hierfür angenommen werden, dass die Gruppe der prekär Beschäftigten sehr heterogen ist und die Ursachen für diese Beschäftigungsverhältnisse sehr unterschiedlich sind. Dies wirft für weitere Forschungen die Frage auf, welche sozial-strukturellen Merkmale prekär beschäftigte Jugendliche charakterisieren und ob ihre prekäre Beschäftigung ein Türöffner für eine reguläre Beschäftigung ist oder sich die prekäre Beschäftigung verfestigt und somit als Sackgasse erweist.

 

Hier der Link zum vollständigen WISO-Beitrag.