Frauen in technischen Lehrberufen: Erfahrungen und Perspektiven

Jährlich entscheiden sich 200 Frauen in Oberösterreich für einen technischen Lehrberuf. Das sind nur sieben Prozent von all jenen jungen Menschen, die jährlich in Oberösterreich eine technische Lehrausbildung beginnen. Neun von zehn Frauen würden sich aber wieder so entscheiden, sie leisten Großartiges in für sie untypischen Berufen. Am meisten gefällt den jungen Frauen die Abwechslung, das Arbeitsklima und der gute Kontakt zu Arbeitskollegen.

Wie geht es Frauen in den männerdominierten Berufen, wie sieht der Arbeitsalltag bei ihnen aus und mit welchen Unannehmlichkeiten sind Frauen konfrontiert?

Eine Befragung der Arbeiterkammer Oberösterreich, die von Mitte März bis Mitte April 2017 durchgeführt wurde, soll diese Fragen beantworten, aber auch die Schwierigkeiten bei der Berufswahl und den Einstieg in das Berufsleben beleuchten.Mehr als 200 Frauen haben bei dieser Online-Umfrage teilgenommen, die aktuell einen technischen Beruf erlernen oder innerhalb der letzten vier Jahre eine entsprechende Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben.

Die derzeitige Situation ist, dass der Frauenanteil in den technischen Berufen stagniert. Es entscheiden sich zu wenige Mädchen für eine Berufskarriere in einem typischen Männerberuf. Laut den Befragungsteilnehmerinnen fehlt es ganz eindeutig an ausreichenden Initiativen während der Schulzeit sowie an einem kulturellen Umdenken. Die Berufsorientierung scheint eine zentrale Schwachstelle im Schulsystem zu sein: Nur für 17 Prozent der befragten Frauen war die Berufsorientierung in der Schule bei der Berufsentscheidung hilfreich.

Die Motive dennoch einen technischen Beruf zu ergreifen waren für 57% die „guten beruflichen Perspektiven“ und für 55% die „persönliche Begabung“ entscheidend. Mehr als die Hälfte der Frauen war auch schon als Kind technisch interessiert. Jede Dritte erwartete sich auch ein höheres Einkommen und jede Fünfte hatte ein konkretes Vorbild in einem technischen Beruf oder wurde durch ein Berufsorientierungsangebot (Girls Day, Berufsinformationsmesse) angeregt.

Der Einstieg in die Lehre

Aus der Befragung lässt sich ableiten, dass die Mädchen zuerst in größeren Betrieben nach einer passenden technischen Lehrstelle suchen und erst dann bei kleineren Betrieben anfragen, wenn sie in den größeren keinen Erfolg hatten. Im Durchschnitt geben die lehrstellensuchenden jungen Frauen 5,6 Bewerbungen ab. Die Hälfte der Mädchen erlebte eine Absage. 72% haben den Einstieg in die Lehrzeit in positiver Erinnerung und fanden die Einschulung in erste Tätigkeiten ausreichend und die Aufnahme durch die Kollegen positiv.

Der Arbeitsalltag

Die Rahmenbedingungen in den technischen Berufen sind weiterhin durch die männliche Dominanz geprägt: Das zeigt sich vor allem bei den Toiletten und Umkleidekabinen: jede Vierte gab an, dass in ihrem Betrieb keine bzw. zu wenig ausreichende Umkleidekabinen vorhanden seien. Je größer der Betrieb ist, desto eher stimmen die Rahmenbedingungen bei der Ausstattung. In kleineren Betrieben hingegen und wo weniger mit anderen Frauen zusammengearbeitet wird, desto schmutziger und körperlich anstrengender erleben die Befragten ihre Arbeit. Des weiteren gaben 38% der Befragten an, dass sie ausschließlich mit Männern zusammenarbeiten. Die Mehrheit der Frauen findet die Zusammenarbeit mit den Männern toll. 85% sagten aus, dass ihre männlichen Kollegen ihre Leistungen gleichberechtigt anerkennen. Auch das Arbeitsklima hat eine große Bedeutung für das Wohlbefinden der Befragten: 80% erhalten vom Vorgesetzen faire Rückmeldungen über geleistete Arbeit, 20% hingegen haben keine vertrauenswürdige Ansprechperson in der Firma. Darüber hinaus fühlen sich 17% gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt und 18% sind häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Die Befragung zeigt auch, dass eine vertrauenswürdige Person im Betrieb das Risiko, Vorurteilen ausgesetzt zu sein, bedeutend senkt. Eine ganz wichtige Rolle haben für die Befragten auch die Jugendvertrauensräte/-innen.

Akzeptanz außerhalb des Betriebes

Auf die offene Frage „Was stört dich an deinem technischen Lehrberuf ganz besonders?“ wurde immer wieder das Verhalten von Kunden genannt. Vor allem ältere Männer zeigen hier offenbar häufig diskriminierendes Verhalten:

In der Berufsschule fühlen sich die meisten Mädchen sehr gut akzeptiert. Neun von zehn gaben an, dass sie eine gute Klassengemeinschaft hätten und auch die Lehrerinnen und Lehrer sie fair behandeln würden.

Des weiteren ist das Vorurteil, dass Mädchen technische Ausbildungen eher abbrechen als Burschen, schlichtweg falsch. In acht von neun Lehrberufsgruppen finden sich bei jungen Männern höhere Abbruchs- bzw. Wechselraten als bei jungen Frauen.

Alles in allem: Zufriedenheit mit der Ausbildung

Insgesamt 80% der Befragten sind mit ihrer technischen Ausbildung zufrieden – sowohl im Betrieb als auch in der Berufsschule. Sechs von zehn Befragungsteilnehmerinnen würden sich wieder für den gleichen technischen Beruf entscheiden. 28% würden sich zwar wieder für einen technischen Beruf entscheiden, aber einen anderen wählen und nur sechs% würden nicht mehr in die Technik gehen.

Zusammengefasst zeigt die Befragung, dass folgende Umstände die Zufriedenheit und damit die Chance auf den Verbleib in dem betreffenden Lehrberuf heben: ein guter Einstieg in die Ausbildung, ein kollegiales Arbeitsklima, vertrauenswürdige Ansprechpersonen, gute Abstimmung zwischen Lehrbetrieb und Berufsschule, eine herausfordernde aber nicht überfordernde Tätigkeit. Diese (Qualitäts-)Krite-rien gelten mit Sicherheit für alle Lehrausbildungen – für jungen Frauen in technischen Berufen sind sie aber besonders erforderlich, weil ihre Berufswahl in einer Männerdomäne nach wie vor nicht die Norm ist und sie daher besonders gefordert sind.

Forderungen der Arbeiterkammer Oberösterreich

Trotz der guten Ergebnisse von Frauen die schon in technischen Berufen arbeiten, braucht es noch weitere Maßnahmen die notwendig sind, um mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern:

  • Mehr Sensibilität der Pädagoginnen und Pädagogen bei der Auflösung von Geschlechterstereotypen
  • Intensive Förderung nicht-traditioneller Berufswahl (Bspw. Weiterentwicklung der „FiT-Programme)
  • Neuaufstellung der Berufsorientierung in der Schule
  • Stärkere Förderung der Mädchen in den technischen und mathematischen Schulfächern
  • Erhalt der Jugendvertrauensräte/-innen in den Ausbildungsbetrieben
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Betrieben hinsichtlich Ausstattung

Die gesamten Presseunterlagen und alle Details der Studie können hier nachgelesen werden.

AK OÖ Jugendnetzwerk

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