Psychische und physische Gesundheitsbeeinträchtigungen im Jugendalter

Beitrag von Dennis Tamesberger
(Referent für Arbeitsmarktpolitik der Abt. Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik der Arbeiterkammer OÖ)

Fehlende Arbeitsmarktintegration als Folge oder Ursache psychischer Beeinträchtigungen?

Jugendliche, die mit psychischen Problemen kämpfen, fallen häufig aus dem Arbeitsmarkt heraus. Umgekehrt nehmen durch Inaktivität und Frustration auch die psychischen Probleme zu. Ein Teufelskreis, der bis jetzt wenig Beachtung gefunden hat. Eine aktuelle Studie der Uni Linz hat erstmals die Zusammenhänge für Österreich analysiert.

Die vom BMASK im Jahr 2015 beauftragte Studie „Psychische und physische Gesundheitsbeeinträchtigungen im Jugendalter“ untersucht den Zusammenhang von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und NEET-Status von Jugendlichen und Jungerwachsenen. Die Studie wurde unter der Leitung von Prof. Bacher (JKU) und vom IBE von April 2015 bis Februar 2016 durchgeführt.

Rund 3,6 % der Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren (etwa 40.000 Jugendliche in Österreich) leiden unter chronischen psychischen Beeinträchtigungen, d.h. unter zumindest einer Beeinträchtigung, die mindestens sechs Monate andauert, wie z.B. bei Depressionen. Von physischen Beeinträchtigungen betroffen sind 17,7 % bzw. 180.000 Jugendliche. Von chronischen Beeinträchtigungen insgesamt (psychisch und/oder physisch) ist etwa jede/jeder fünfte Jugendliche betroffen, absolut etwa 200.000.

NEET-Jugendliche

Sowohl psychische als auch physische Beeinträchtigungen treten bei NEET-Jugendlichen häufiger auf. 15,1 % der NEET-Jugendlichen sind von psychischen Beeinträchtigungen betroffen, unter den Nicht-NEET-Jugendlichen sind es 2,7 %.

Besonders stark von psychischen Beeinträchtigungen betroffen sind mit 20,5 % inaktive NEET-Jugendliche. Etwas mehr als die Hälfte aller NEET-Jugendlichen gehört dieser Gruppe an, d.h. sie sind nicht aktiv auf Arbeitssuche und stehen dem Arbeitsmarkt auch nicht unmittelbar zur Verfügung.

Die Ergebnisse weisen insgesamt darauf hin, dass psychische Beeinträchtigungen erstmals biographisch früher im Lebenslauf auftreten und sich NEET-Status und psychischen Beeinträchtigungen gegenseitig verstärken. Vorliegende psychische Beeinträchtigungen erschweren den Ausstieg aus einer NEET-Situation. Die NEET-Situation wiederum verstärkt psychische Beeinträchtigungen.

Der Migrationshintergrund, das Geschlecht und das Alter sind dagegen irrelevant für das Auftreten psychischer Erkrankungen.

Ergebnisse aus den ExpertInneninterviews

Die ExpertInneninterviews berichten einen Bedarf an Beratungs-, Betreuungs- und Therapieeinrichtungen für Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen. Als wichtig erachtet wird allgemein eine Angebotsstruktur, die den unterschiedlichen Schweregraden der psychischen Beeinträchtigungen Rechnung trägt und fließende Übergänge ohne große Hürden ermöglicht. Versorgungsdefizite werden auch für das System Schule genannt. Hingewiesen wird des Weiteren auf fehlende Arbeitsplätze für beeinträchtige Jugendliche sowie die Notwendigkeit früher Prävention. Als eine durchgehende Schwäche zeigt sich fehlende Kooperation und Koordination innerhalb und zwischen den Unterstützungssystemen.

Aus den Ergebnissen lässt sich zunächst ableiten, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen von Jugendlichen auch relevante arbeits- und sozialpolitische Problemsituationen darstellen, da sie quantitativ erheblich sind und im engen Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit von Jugendlichen stehen.

Lösungsvorschläge:

  • Schrittweise Integration von NEET-Jugendlichen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in das Ausbildungs- bzw. Erwerbssystem. Dafür ist ein niedrigschwelliges, durchlässiges und mobiles Angebot an Maßnahmen notwendig, das den unterschiedlichen Schweregraden Rechnung trägt und medizinische und psychische Betreuung mit Beschäftigungsmöglichkeiten verzahnt
  • Unentgeltliche und quantitativ ausreichende Therapieangebote
  • Angebote einer stunden- oder tagesweisen Beschäftigung
  • Anhebung der Altersgrenzen bei Unterstützungsangeboten
  • eine (individuelle) Nachbetreuung von ehemaligen arbeitslosen Jugendlichen bzw. ehemaligen AMS-KursteilnehmerInnen zur Sicherung des Verbleibs im Ausbildungs- und/oder Erwerbssystem
  • Reduktion des frühen Schulabgangs
  • Ausbau von Frühen Hilfen für Familien in besonders prekären Lebenslagen bereits während der Schwangerschaft
  • Zudem sollte Familienformen und ihren sozio-ökonomischen Lagen in der Sozialpolitik ein größeres Gewicht gegeben werden, da sie Ursachen von psychischen Erkrankungen sind
  • Ein durchgehendes Optimierungspotential lässt sich hinsichtlich der Kooperationen auf allen Ebenen, auf Ebene des Bundes, der Länder und der Einrichtungen, festhalten

Weiterführende Links:

 

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