Die Zukunft der Arbeit

Das „zweite Maschinenzeitalter“ stellt alte Gewissheiten infrage: Wir müssen neu über Broterwerb, Lebenssinn und Gesellschaftsvertrag nachdenken.

Welche Jobs bleiben, welche verschwinden

(der Standard: Karin Bauer 28. April 2018, 08:00)

Löscht die künstliche Intelligenz jede uns bekannte Erwerbsarbeit aus? Welche Ausbildung ist sicher?

„Nein, man kann ja den Stecker ziehen.“ Diese Antwort gaben kürzlich heimische Personalchefs bei ihrem Jahreskongress Power of People auf die Frage, ob künstliche Intelligenz uns demnächst beherrschen werde. Viel Glaube an die Steuerbarkeit und die eigene Unersetzlichkeit, basierend auf dem Glaubenssatz, dass die eigene (qualifizierte) Jobzukunft nicht wirklich bedroht ist und Maschinen lediglich fehleranfällige, langweilige, schmutzige, gefährliche Arbeiten abnehmen, damit die aus Fleisch und Blut es besser haben mit kreativen, freudvollen, gesunden Entscheiderjobs.

An dieser Stelle grätscht gern die Dystopie einer Welt ohne Arbeit und damit mit aufgelösten sozialen Beziehungen à la „Matrix“ und „Black Mirror“ ein. Indizien dafür kann man in der Vorausschau auf das Jahr 2100 sammeln, wenn man will. Vielleicht noch mit ein wenig mit Science-Fiction-Zuversicht versehen im Bild des Zusammenlebens auf verschiedenen Planeten mit universellem Grundeinkommen und der Beschäftigung der Menschen mit ihrem „Aufstieg“.

Kein Schwarz-Weiß

Vorerst einmal zurück in die Gegenwart. Was bleibt, was geht in der Arbeitswelt? Welche Jobs verschwinden, welche Ausbildung ist sicher?

Simpel schwarz-weiß ist das nicht darzustellen. Die kommenden Jahre scheinen sich in drei berufliche Sphären zu teilen: Jobs, die gänzlich automatisiert werden können und daher nicht mehr benötigt werden (wie einst der sogenannte Liftboy), etwa Regalbetreuer, Erntehelfer, Lkw-Fahrer, Rechtsassistenten. Der zweite und größte Bereich sind dann Berufsbilder, deren Inhalte sich digital wandeln und/oder redefinieren, wie etwa der Lehrberuf der Einzelhandelskauffrau hin zur E-Commerce-Fachkraft, und schließlich das Feld der neuen Berufe, Social-Media-Manager, Drohnenführer, Softwareingenieure – und was immer noch weiter gedacht werden kann bis zum Weltraumtourismus.

„Es ist völlig gleichgültig, ob Sie Fabriksarbeiter, Finanzberater oder professioneller Flötenspieler sind: Die Automatisierung kommt“, sagt Stanford-Professor Jerry Kaplan zu neuen Berufsinhalten respektive zur Kooperation mit Maschinen.

Nur: Das gilt nicht für alle. Die erwähnten Rechtsassistenten etwa erübrigen sich gerade, Algorithmen für das Durchforsten zigtausender Seiten Rechtstexte sind längst im Einsatz. Mit den vorbereitenden Tätigkeiten in Steuerfragen geht es ebenso, das US-Unternehmen H&R hat dafür bereits die Watson-KI-Plattform in Betrieb. Dass neue Berufe rund um Datenwissenschaften oder in den Life-Sciences entstehen, dass weitergedacht viel Fantasie in der Genetik und Biomedizin, im Wettermanagement, bei alternativen Energien oder vielleicht im Wiederbeleben ausgerotteter Arten besteht – ja, warum nicht?

Innovation schafft Jobs, aber weniger

Dass für die wachsende Weltbevölkerung eine mitwachsende Zahl neuer Jobs oder Jobfelder entsteht, darf allerdings bezweifelt werden. Innovation schafft Jobs, aber quantitativ offenbar weniger. Das Gefüge von Produktion und Kaufkraft wankt in dieser Betrachtung.

Beispiel: General Motors beschäftigte 1979 rund 800.000 Mitarbeiter und machte elf Milliarden Dollar Umsatz. Das als globales Zentrum digitaler Innovation betrachtete Alphabet (Google) beschäftigte 2012 etwa 58.000 Leute mit damals 14 Milliarden Dollar Umsatz.

Ob nun schon, wie der Oxford-Thinktank meint, bis 2030 fast jeder zweite gegenwärtige US-Job wegfällt und Europa im Gefolge ebenso betroffen ist – mittelfristiger sieht es tatsächlich so aus, als ob intelligente, selbstlernende Maschinen sogar an den Positionen sägen, die gegenwärtig noch als unangreifbare Entscheiderfunktionen gelten. Ob die hauseigene künstliche Intelligenz Watson die IBM-Chefin Ginni Rometty ersetzen könne, fragte Forbes etwa zum Fortschreiten der Technologien, in die schon vor einem Jahr 40 Milliarden Dollar Forschungsgelder geflossen sind.

Neue Jobinhalte

Ein paar Blitzlichter: Der weltgrößte Hedgefonds Bridgewater etwa arbeitet mit einem Team, das an der Watson-Entwicklung beteiligt war, am ultimativen Chef-Algorithmus – modelliert nach dem menschlichen Gehirn, aber eben nicht launisch, nicht gereizt, nie krank und natürlich 24/7 stabil. Allerdings versehen mit dem Weltbild der Programmierer, die, sobald die KI tatsächlich Lehrer und Dompteur geworden ist, natürlich auch jobmäßig hinfällig sind.

 

 

Aber auch da – neue Jobinhalte zeichnen sich ab: Was gefährlich klingend als „Brain-Hacking“ bezeichnet wird und aus dem Scifi als Cyborg bekannt ist – daran wird auch heftig gearbeitet, etwa von Tesla-Gründer Elon Musk. Mikroimplantate in Kombination mit sogenannten „intelligenten“ Drogen sollen bald die optimale menschliche Schnittstelle zur künstlichen Intelligenz herstellen. Berichten aus dem Valley zufolge (mikrodosiertes LSD) ist alles schon da. Maschinen malen, komponieren.

Also: Nicht nur Hamburgerbraten erfolgt maschinell (350 bis 400 Stück pro Stunde), auch Erdbeerenpflücken. Managementtätigkeiten werden bereits vielfach solcherart erledigt: Projektmanager aus Bits und Bytes heuern etwa Mikroarbeiter auf der US-Crowdworking-Plattform Mechanical Turk an, teilen Aufgabensegmente zu und lernen dabei, dies künftig gleich selbst elektronisch zu erledigen.

Hitachi hat Algo-Chefs, die den Angestellten Aufgaben zuweisen und die Ausführung überwachen, die Schadensbemessung beim japanischen Versicherer Fukoku Life setzt auf künstliche Intelligenz.

Karriereplanung schwerer möglich

Zurück zum Personaler. Ist der Job „sicher“? Wieder: Die Inhalte kommen abhanden, der Beruf wird sich neu definieren, denn Algorithmen erschnüffeln längst passende Profile, automatisierte Skripte und neurolinguistische Programme führen Jobinterviews, die sogenannte People-Analytics checkt und steuert Menschen – wann machen sie welche Fehler? Wann produzieren sie Fehlzeiten? Mancherorts sind die Mitarbeiter bereits verchipt. Apps dienen als Konfliktlöser und Mediatoren, smarte Armbänder (bei Tesco heißen sie „Picker“) liefern alle Daten. Wer soll da welchen „Stecker ziehen“?

An diesem Punkt ist zumindest klar: Die klassische langfristige Karriereplanung ist von gestern und einfach nicht mehr möglich. Nicht einmal für Priester. Sie haben zwar laut The Future of Jobs (Oxford University) nur 0,81 Prozent Wahrscheinlichkeit, schnell automatisiert zu werden, aber Apps, die sündhaftes Verhalten notieren und Bestrafung einfordern, gibt es zumindest schon. Aber auch da: Halt!

Dass Computer in 30 Jahren nicht die kreativste Klasse auf diesem Planeten sind, kann keiner mit Sicherheit behaupten. Aber bis dahin sind Tätigkeiten, die mit komplexen Beziehungsinhalten zu tun haben, strategisches Erschaffen und unvorhersehbare Ad-hoc-Problemlösung betreffen (wie in sehr vielen handwerklichen Berufen), sich mit rechtlichen Rahmen und ethischen Vorgaben beschäftigen, in Menschenhand. Nicht unberührt vom Digitalen, aber definitiv nicht übernommen. Und: Nicht alle Zukunftsbilder erweisen sich ex post als valide. John Maynard Keynes’ Prognose etwa, dass seine Enkelkinder die 15-Stunden-Arbeitswoche hätten – tja, es ist eher der 15-Stunden-Tag. (Karin Bauer, 28.4.2018)

Schwerpunkt „Zukunft der Arbeit“:
Werden Roboter unsere Jobs übernehmen? Falls ja, was macht das mit unserer Gesellschaft? Welche sozialen Folgen haben die tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt, die gerade erst begonnen haben? Und welche neuen Chancen eröffnet der technologische Arbeitswandel? Wir finden das Thema „Zukunft der Arbeit“ so wichtig, dass wir ihm diesen Schwerpunkt widmen. In den kommenden Tagen finden Sie auf https://derStandard.at/Die-Zukunft-der-Arbeit eine Serie von Artikeln: Die STANDARD-Redaktion hat Forscherinnen und Forscher befragt, ist dorthin gefahren, wo die neue Arbeitswelt bereits zu spüren ist, und macht sich in Essays Gedanken – alles handgefertigt, natürlich.

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