Die Geschichte von der Geschichte und der Zukunft

von Martin Mahringer (Referent in der Arbeiterkammer Oberösterreich)

Die technischen Entwicklungen in der Arbeitswelt werden für viele Menschen eine Herausforderung darstellen. Besonders für jene jungen Menschen, die auf mehrfache Weise von Ausgrenzung gefährdet sind. Auch die Unternehmen stehen im Zeitalter des Internet of Things (IoT), die Einsätze von Roboter, Automaten und selbstkommunizierenden Maschinen, an einem Wegenetz vor Veränderungen. Doch bevor an dieser Stelle bereits zu weit vorgegriffen wird, soll ein kurzer Blick zurück die derzeitige Diskussion besser verständlich erscheinen lassen.

Vor gut 12.000 Jahren begann der Übergang des Menschen vom Jäger und Sammler hin zu Ackerbau und Viehzucht. In dieser Zeit machten sich die Menschen das Domestizieren der Tiere zu eigen und verwandelten so grundlegend ihren Lebensalltag. Danach stand die Landwirtschaft im Fokus der Menschen und sie nahmen sich Tiere, um die (Nahrungsmittel-)Produktivität zu steigern und die Transportwege zu erleichtern (vgl. Bauer 2013, S. 136 ff.). Der Anteil der Bevölkerung, welche im landwirtschaftlichen Sektor arbeitete, wuchs bis zum Zenit im Jahr 1810 auf 92% an (vgl. Dimmel 2017, S. 16). Durch die Entwicklung von wirtschaftlichen und zuverlässigen Erfindungen wie der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls sowie begünstigt durch den Bau von Eisenbahnen begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

1.0
In der sogenannten ersten industriellen Revolution wurden Arbeitstätigkeiten, welche zuvor noch von menschlicher und tierischer Muskelkraft abhängig waren, nach und nach von mechanischen Kräften abgelöst (vgl. Bauer 2013, S. 114). Kinderarbeit war zu dieser Zeit allgegenwärtig und von allen Seiten geduldet. Aufgrund von Armut hatten viele Familien keine andere Wahl als ihre eigenen Kinder zur Arbeit zu schicken. Ab dem 4. Lebensjahr galten sie als arbeitsfähig und wurden in Fabriken und Manufakturen eingesetzt. Besitzer von Fabriken und Unternehmer fanden „Müßigang“ schädlich für die Entwicklung der Kinder und nur die Arbeit sei nützlich, bildend und förderungswürdig. Der Staat griff aufgrund der allgemeinen Armut nicht ein. Regelmäßiger Unterricht fand verstärkt im Winter statt, da oftmals keine Zeit für den Unterricht blieb. Der durchschnittliche Arbeitstag dauerte bei den Kindern und Jugendlichen acht bis sechzehn Stunden. Spinnmädchen, die an mechanischen Webstühlen arbeiteten, kamen in der Woche sogar auf etwa 119 Stunden. Dies sind auf sieben Tage aufgerechnet 17 Arbeitsstunden pro Tag (vgl. Faderl, Hagemann und Rieger 2016, S. 8 ff.). Erst im Jahr 1842 wurde in Österreich die Maximalarbeitszeit für Neun- bis Zwölfjährige auf zehn Stunden Arbeitszeit beschränkt, bei den Zwölf- bis Sechzehnjährigen belief sie sich auf zwölf Stunden. Auf Kindermärkten, ähnlich wie Viehmärkten, wurden die Kinder als Arbeitskräfte den Unternehmern angeboten. Die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften zur Unternehmensrentabilitätssteigerung war groß. Die Bedingungen waren aufgrund der langen Arbeitszeiten unter starkem Einfluss von Lärm, Staub und Dreck leidlich und unzulänglich. Freizeit gab es praktisch keine, da auch die Sonn- und Feiertage streng reguliert wurden (vgl. Czeike 2004, S. 501 f.). Die Not der Kinder war groß und nicht wenige Kinder verloren in Kohleschächten ihre eigene Kindheit und vielfach auch ihr Leben (vgl. Precht 2018, S. 17). Erst nach und nach kamen soziale Verbesserungen für die jungen Arbeitnehmer/-innen. In den 1840er-Jahren kam es zum ersten Arbeitsverbot für Kinder, verschärfte Bestimmungen in den folgenden Jahrzehnten schränkten die allgemeine Beschäftigung sowie die Nachtarbeit von Jugendlichen ein (vgl. Czeike 2004, S. 502).

2.0
Ende des 19. Jahrhunderts, beginnend in den 1870er und 1880er Jahren, läutete die Nutzung von Elektrizität als Antriebskraft die zweite industrielle Revolution ein. Basierend auf der Idee der wissenschaftlichen Betriebsführung nach Frederick Winslow Taylor entstanden neue Techniken der Fertigung wie die Fließbandarbeit nach Henry Ford (1913) und ermöglichten so die serielle Massenproduktion. Produktionsschritte wurden geteilt und in sich abgeschlossen. Neben der Textil-, Eisen- und Stahlproduktion sowie Bergbau kamen die Chemie- und Elektroindustrie als neue Leitsektoren hinzu. Durch die aufkommende Globalisierung wurde es den Unternehmen und Staaten möglich ihre Produkte einfacher und schneller interkontinental zu transportieren (vgl. Bauer 2013, S. 118 ff.; Daft et al 2010, S. 45). Junge Arbeitnehmer/-innen spielten immer noch eine wichtige Rolle für die kostengünstige Produktion in Fabriken und Maschinenhallen. Die aufkommenden Sozialgesetzgebungen brachten aber auch einen stärkeren Schutz der jungen Arbeiter/-innen und nach dem ersten Weltkrieg gab es erstmals einen nationalen Arbeitsschutz für die Kinder und Jugendlichen (vgl. Gesetz vom 19. Dezember 1918 über die Kinderarbeit). Die Bedingungen am Arbeitsplatz wurden sicherer und auch die Kinder, welche bei den Eltern beschäftigt waren, wurden gesetzlich geschützt (vgl. Faderl, Hagemann und Rieger 2016, S. 37). Nach dem zweiten Weltkrieg regelte ab 1948 das Kinder- und Jugendschutzgesetz (BGBl. Nr. 146/1948) die arbeitsrechtliche Situation der Kinder und Jugendlichen in Österreich, welches in den darauffolgenden Jahren immer wieder ergänzt und verbessert wurde (vgl. Czeike 2004, S. 502).

3.0
Die dritte industrielle Revolution begann in den 1960er und 1970er Jahren mit der Produktion von Halbleitern und dem Einsatz von Großrechnern sowie in späterer Folge von Personalcomputern und der Erfindung des Internets. Dies führte zu einer starken Rationalisierung und Automatisierung in der Produktion. Die menschliche Arbeitskraft rückte in der Reihenfertigung immer stärker in den Hintergrund und neue Formen der Arbeitskräftestruktur bildeten sich (vgl. Müller-Jentsch 2017, S. 80 ff.). Die Kinderarbeit in der früheren Ausprägung gab es in Österreich zu dieser Zeit nicht mehr. Jugendliche standen unter besonderen Schutz, welcher durch die Gesetzesreform des Kinder- und Jugendlichen-Beschäftigungsgesetz von 1987 wiederverlautbart (BGBl. Nr. 599/1987) und modernisiert wurde (vgl. Dirschmied und Nöstlinger 2002, S. 70 ff.).

4.0
Der Wandel in der Technologie und Industrie wird immer schnelllebiger. Dies zeigt sich auch in der Verkürzung der Revolutionszyklen. Nachdem der Abstand der bisherigen bekannten drei industriellen Revolutionen über die Landesgrenzen hinweg in etwa 100-150 Jahre betrug, kommt mit der Ankündigung eines neuen technologischen Zeitalters bereits ca. 50 Jahre nach der letzten die neue, sogenannte vierte industrielle Revolution. Von Staat, Medien und Industrie wird sie breitenwirksam avisiert. Bekannt durch die zu Beginn erwähnten 4.0-Begriffe, wird sie als „industriell-dreifaltige Vernetzung“ von Mensch, Maschine und Produkt mittels Internet in Echtzeit charakterisiert. Bei gleichzeitiger dezentraler Steuerung soll die Produktion weitaus schneller und flexibler werden. Nicht mehr die Menschen bestimmen über den Einsatz der Maschinen, sondern die Maschinen selbst wissen, welche Tätigkeiten zu bewerkstelligen sind (vgl. Krzywdzinski et al 2015, S. 6). Die Formulierung des Begriffs der Revolution im Zusammenhang mit den neuesten Entwicklungen im technologischen Bereich wird von verschiedenen Stellen kritisiert. Dabei wird argumentiert, dass die 4.0-Entwicklungen „Hype“ und „Märchen“ sind und als „Strategie der Verunsicherung“ dienen (siehe dazu Dimmel 2017, S. 15 f.) Es wird aufgrund von fehlenden tiefgreifenden Veränderung von gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen und der Weiterentwicklung von bereits bestehenden (Daten- und Kommunikations-)Technologien auf eine Evolution anstatt einer Revolution verwiesen (siehe dazu Ahrens 2012, S. 30 f.). Dem Evolutionsgedanken widerspricht u.a. Precht sehr deutlich, indem er schreibt: „Die Digitalisierung ist nicht einfach eine weitere Effizienzsteigerung unseres Wirtschaftens auf einem bekannten Pfad. Es ist die größte Veränderung unseres Wirtschaftens seit zweihundertfünfzig Jahren! Es ist ein Lebens- und Wertewandel in welthistorischer Dimension.“ (2018, S. 40). Den einzigen Unterschied zu früheren Revolutionen sieht er in der Tatsache, dass kein neuer Tätigkeitsbereich entsteht, sondern der bereits bestehende effektiver wird (vgl. ebd., S. 29). Fakt ist, die 4.0-Begriffe sind in aller Munde und die technologischen Entwicklungen werden die Arbeitswelt in der Zukunft maßgeblich beeinflussen. Was vielerorts jedoch in der Technologiediskussion fehlt, ist der Glaube an eine Mitbestimmung der Veränderung. Die Gesellschaft steht an einem absoluten Wendepunkt, auf dem es wichtig ist, an die Chance des Gestaltens der Zukunft zu glauben (vgl. ebd., S. 11).

Im nächsten Schritt gilt es demnach zu klären, was sich genau hinter dieser (revolutionären) Idee der vierten industriellen Revolution verbirgt und welche Auswirkungen diese auf die menschliche Arbeitskraft am zukünftigen Arbeitsmarkt haben. Schlussendlich sollen die Chancen für die jungen Arbeitnehmer/-innen am zukünftigen Arbeitsmarkt analysiert werden. Dabei wird, wie zuvor bereits erwähnt, ein besonderes Augenmerk auf jene Jugendlichen gerichtet, die gesamtgesellschaftlich gesehen von sozialer und bildungspolitischer Ausgrenzung bedroht sind.

Den gesamten Artikel von Martin Mahringer lesen Sie in der nächsten Ausgabe des WISO-Magazins, welches im Oktober 2018 erscheinen wird.

Kontakt:
Martin Mahringer
Arbeiterkammer Oberösterreich
Abt. Bildung, Jugend und Kultur
Volksgartenstraße 40, 4020 Linz
mail: mahringer.m@akooe.at

Passend zu diesem Artikel findet am 29. Oktober 2018 die Abschlusskonferenz

„Smarte Jugend! Smarte Zukunft? Zwischen Hype & Hysterie“

der Veranstaltungsreihe „Ausgrenzungsgefährdete Jugendliche im Zeitalter der Digitalisierung“ in der Arbeiterkammer Linz statt. Nähere Informationen sowie das Programm finden sich HIER.

 

Literaturverzeichnis:

Ahrens, Volker (2012): Inflation industrieller Revolutionen. In: Productivity Management (5/2012).

Bauer, Joachim (2013): Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht. 1. Aufl. München: Blessing.

Czeike, Felix (2004): Historisches Lexikon Wien. In 6 Bänden. Wien: Kremayr & Scheriau.

Daft, Richard L.; Kendrick, Martin; Vershinina, Natalia (2010): Management. Fort Worth, TX.: The Dryden Press.

Dimmel, Nikolaus (2017): Arbeit 4.0 – Ein Hype. In: Streifzüge – Maganzizierte Transformationslust (71).

Dirschmied, Karl; Nöstlinger, Walter (2002): Kinder- und Jugendlichenbeschäftigungsgesetz. Gesetze und Kommentare. Wien: ÖGB Verlag; ÖGB-Verl. (Gesetze und Kommentare, Nr. 12).

Faderl, Florian; Hagemann, Frauke; Rieger, Katja (2016): Sozialgeschichte. Hg. v. Stiftung Jugend und Bildung in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Eduversum GmbH. Wiesbaden. Online verfügbar unter https://www.sozialpolitik.com/artikel/von-der-ausbeutung-zum-kinder-und-jugendschutz.

Krzywdzinski, Martin; Jürgens, Ulrich; Pfeiffer, Sabine (2015): Die vierte Revolution. Wandel der Produktionsarbeit im Digitalisierungszeitalter. In: WZB-Mitteilungen (149), S. 6–9. Online verfügbar unter http://fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/SP-Die_vierte_Revolution.pdf.

Müller-Jentsch, Walther (2017): Strukturwandel der industriellen Beziehungen. ‚Industrial citizenship‘ zwischen Markt und Regulierung. Wiesbaden: Springer VS (Studientexte zur Soziologie).

Precht, Richard David (2018): Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. München: Goldmann.